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Empfang im Rathaus Mosbach anlässlich des 95. Internationalen Frauentags am 11. 3. 2006

Grußwort von Christine Denz, Mosbach

 

Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich heute mit meinem Grußwort sagen will. Also ein Grußwort – aber von wem soll ich grüßen? Stadt- und Kreisrätin bin ich. Soll ich von einer kleinen Minderheit grüßen? Auch nach über 90 Jahren neuer Frauenbewegung wählen Frauen offensichtlich nicht Frauen, obwohl viele von uns kompetenter und solider vorbereitet in Sitzungen gehen als mancher Mann und wir über die Lebenswelt besser Bescheid wissen. . Bei den GrußrednerInnen bin ich überquotiert (zwei Männer, eine Frau).  Also, meine Legitimation steht auf wackligen Füßen. Dennoch wage ich es: Herzlich willkommen zum Feiern und zum Nachdenken über „Wege aus der Ohnmacht hin zur Kraft.“ Unsere Situation ist noch nicht rosig. Gleichstellung und Gleichberechtigung stehen auf dem Papier, in Wirklichkeit müssen wir sie immer noch erkämpfen. Aus der Vielzahl der Beispiele nur zwei: Bei gleicher Ausbildung und Beschäftigung verdienen Frauen im Schnitt 25% weniger als Männer. Unter den 25 EU-Ländern gibt es nur zwei, in denen die Lohnkluft noch größer ist als in der Bundesrepublik: Estland und die Slowakei. Die Altersarmut steigt bei den Frauen ständig.

 

Als nächstes habe ich über die Bedeutsamkeit von Vorbildern nachgedacht , wozu sie einen Menschen führen können.. Das war schon hoffnungsvoller. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas getan. Aus der Sozialisationsforschung weiß man, wie wichtig Vorbilder  für die eigene Entwicklung sind.. Auch wir erwachsenen Menschen suchen etwas, nach dem wir uns ausrichten, oder ein Stück abschneiden können. Zwar bin ich wie viele von Ihnen (ich bin Jahrgang 1948) mit  einer sehr geringen Auswahl aufgewachsen. Bekannte und von der Geschichtsschreibung beschriebene Entdecker, Erfinder, Forscher, Musiker, Schriftsteller, Politiker waren männlich. Lange Zeit galt für mich ein Leben wie das von Florence Nightingale – auch der „Engel der Gefangenen“ genannt – als erstrebenswert. Später war es u. a. Alice Schwarzer. Sie ist es immer noch, ist sie doch unerschrocken, argumentiert sie doch klug . Sie ist eine ausgezeichnete Journalistin und hat mit der „Emma“ ein international wirkendes Unternehmen aufgebaut, das ihr Lebenswerk abbildet.

 

Aber eigentlich brauchen wir gar nicht so weit zu gehen,. Sehen wir uns doch im NOK um.. Da gibt es eine Menge Frauen, von denen man sich ein Stück abgucken kann. Ich finde es sehr ermutigend in unserem von Männern dominierten Umfeld. Finden Sie das nicht auch manchmal schrecklich, wenn Sie die Zeitung aufschlagen und lauter Anzüge sehen? Ich greife aus der Vielzahl der Beispiel gebenden Frauen einige heraus. Ich denke an Barbara Meyer und Lisa Kohler, die Köpfe und Seelen des Mosbacher Weltladens. Ich denke an Gabriele von Gemmingen-Guttenberg, die Managerin der Burg Guttenberg . Sie sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihres Geburtstages, dass sie aus Solidarität grundsätzlich nie öffentlich etwas gegen eine Frau sagen würde. Ich denke an Agnes Sanns, Bäuerin, Vorsitzende des Odenwaldclubs und Kreisrätin, eine starke Frau. Ich denke an Dorothee Roos, die Vorsitzende der KZ-Gedenkstätte Neckarelz, die u. a. die Geschicke des Vereins kompetent und kenntnisreich leitet. Auch Adelheid Knoll gilt es zu erwähnen, die als Frauenbeauftragte ein beachtliches Netzwerk geknüpft hat.

 

Diese guten Beispiele mögen uns ermutigen, in unserem rauen gesellschaftlichen Klima Flagge zu zeigen.

 

Aber wir müssen auch über Geld reden. Frauen leisten den Löwenanteil der ehrenamtlichen Arbeit. Ohne sie würden viele Vereine, die Kirchen, die Parteien nicht mehr funktionieren. . Dieses Engagement  ehrenamtliche Arbeit gehört nicht nur mit Worten anerkannt, sondern auch bezahlt. Angemessen wird es nicht bezahlt werden können, es ist ja auch freiwillig, dem muss Rechnung getragen werden. Aber auf jeden Fall gehört die ehrenamtliche Arbeit an die Rente angerechnet, für die wir Frauen ja heute selbst sorgen müssen. Denkbar wäre ein Bonus-System, das beim Eintritt ins Rentenalter eingelöst wird. Sonst heißt es auch weiterhin: „Im Herzen so warm – im Alter so arm!“

 

Was mich persönlich schon lange beschäftigt ist die ökonomische Macht der Frauen. Wir haben viele Möglichkeiten in der Hand, etwas zu einer besseren Welt hin zu verändern.(Oder es geht umgekehrt!). Hier ist eine Menge an Frauen versammelt, die nachdenken, die über den Tellerrand hinausblicken. „Einkaufen verändert die Welt.“ Einkaufen tun wir. In Umfragen sprechen sich überwältigende Mehrheiten für Umweltschutz, regionalen und Ökolandbau und für eine gerechte Welt aus. Aber weniger als 10% kaufen entsprechend ein. Wie soll sich denn dann etwas verändern? Frau kann mit kleinen Schritten anfangen, kann regionale Waren bevorzugen, kann danach fragen. In fast jedem Supermarkt gibt es fair gehandelte Lebensmittel wie Kaffee, Tee u. a.. Weltläden gibt es. Vom Fairen Handel profitieren in den Drittweltländern viele Frauen und ihre Familien. Projekte weisen immer wieder nach: Ich zitiere den früheren Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker: „Gib einem Mann einen Kredit, er wird ein Mofa oder einen Fernseher kaufen. Gib einer Frau einen Kredit, sie wird en Geschäft aufbauen, mit dem sie sich und ihre Kinder/Familie ernähren und den Kredit zurückzahlen kann.“

Fast jeder Supermarkt bietet ökologisch erzeugte Waren an.

Über größere Anschaffungen wie z. B. einen Kühlschrank entscheiden im wesentlichen Frauen. Da müssen energiesparende Geräte her. Das nutzt dem Klima, spart sogar langfristig Kosten. Und die Kleidung. Stellen Sie sich doch mal vor, mit wie vielen Weichmachern und Rückständen von Spritzmitteln die Stoffe noch belastet sind. Auch da gibt es Alternativen. Angelika Zahrnt, die Vorsitzendes des BUND, hat gesagt: Wenn alle, die in Natur- und Umweltschutzverbänden organisiert sind (ich füge hinzu Grüne), tatsächlich ökologisch, regional und fair einkaufen, dann schon verändert sich das Gesicht der Welt erheblich.

Ich finde, man kann sich nicht aus der Affäre ziehen, indem man sagt „Zu teuer“. Möglichkeiten gibt es auch für das kleine Portemonnaie. Man muss nur anfangen.. Das ist auch eine Form von Solidarität Ich habe dabei ein gutes Lebensgefühl, bin froh und glücklich über unsere Möglichkeiten. Attac hat dazu eine Vision entwickelt, die ich Ihnen mitgeben möchte: „Eine andere Welt ist möglich! Wir müssen sie nur tun!“