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Rhein-Neckar-Zeitung, 17. 8. 2004
Eine Frau, die die Auseinandersetzung sucht
Von Heiko Schattauer
Mit den vermeintlichen Schwächen zur eigentlichen Stärke – schon in der ersten Folge der RNZ-Serie „Starke Frauen“ konnten insbesondere männliche Zeitungs-Leser so manches lernen. Doch die Frauenbeauftragte des Neckar-Odenwald-Kreises, die in unserer Wochenendausgabe den Serienauftakt gestaltete, ist beleibe keine Einzelkämpferin in der Liga der starken Frauen.
Mit Christine Denz stellt sich nun eine starke Vertreterin des schwachen Geschlechts unseren Fragen, die schon einmal die offene Auseinandersetzung sucht. Und darüber hinaus einiges zu sagen hat. Doch lesen Sie selbst
Was macht eine starke Frau aus?
Voller Lebensfreude über die Welt staunen können, positive Ziele haben und sich nicht aufgeben. Zudem sollte sie ein Gefühl für die innere und äußere weibliche Identität entwickeln, positive Bestätigung durch andere, Rückhalt und Unterstützung finden. Diese Bestätigung erhalten Frauen – nach meiner Erfahrung – allerdings meist nur durch andere Frauen. Eine starke Frau darf sich auch von (unterschwelligen) Ausbrems-Aktionen durch Männer oder die Gesellschaft im Allgemeinen nicht entmutigen lassen und sollte folglich ein ausgeprägtes Reflexions- und Beharrungsvermögen mitbringen.
Was können Frauen eigentlich besser als Männer?
Das ist eine etwas pauschale Frage. Ich will es dennoch versuchen: Zum einen könnnen Frauen besser durchhalten, auch gegen andauernde Widerstände. Sie können ihren Emotionen eher auf die Schliche kommen und sie auch ausdrücken – was Männer viel zu selten tun. Damit hängt zusammen, auch mal eigene Bedürfnisse zurückzustellen Nach meiner Erfahrung sehen Frauen eher das Ganze als Männer und sind in der Lage Fehler (auch öffentlich) zuzugeben.
Und wann ist's eher umgekehrt?
Dazu fällt mir an positiven Beispielen nichts Wesentliches ein. Wir leben in einer immer noch patriarchalisch geprägten Welt. Ich meine, in beiden Geschlechtern sind ähnliche Entwicklungschancen zum ‘ganzheitlichen‘ Menschen angelegt, die die Welt zum Guten hin verändern können. Was Männer allerdings wirklich besser hinkriegen ist verdrängen. Zudem können sie ihre eigenen Leistungen besser betonen (da können wir Frauen noch was lernen!), ihren Machtanspruch durchsetzen und im Sattel bleiben, oft ohne Rücksicht auf Verluste.
Was ganz anderes, könnten Sie im Fall der Fälle ein Rad an Ihrem Auto selbst wechseln?
Das ist eine typische Frage eines männlichen Redakteurs. Es ist längst nicht so, dass alle Frauen ein Auto haben, sei es aus finanziellen oder aus ökologischen Gründen. Ich beispielsweise habe mein Auto erst seit kurzer Zeit, weil ich es beruflich brauche. Nun direkt zu Ihrer Frage: Ja! Ich kann nämlich die Bedienungsanleitung lesen!
Also gut, wieder zu den tiefgründigeren Fragen. Was bedeutet für Sie persönlich Emanzipation?
Einmal im wörtlichen Sinn „Befreiung aus dem (patriarchalisch geprägten Herkunfts-) Haus“. Zweitens eine möglichst große innere Unabhängigkeit. Drittens das Verwirklichen der eigenen Visionen sowie viertens die betrifft nicht nur die berufliche Entlohnung, sondern, dass auch Haus- und Arbeit mit Kindern honoriert wird. Das ist heute nicht der Fall.
Welcher Typ Frau ist Ihnen sympathischer? Alice Schwarzer oder Verona Feldbusch?
Die Antwort ist für mich einfach, natürlich Alice Schwarzer. Sie ist eine hervorragende Journalistin. Gerade erst habe ich ihre Biographie über Marion Gräfin Dönhoff mit Faszination gelesen. Sie ist sich gegen alle Widerstände treu geblieben, hat ein kämpferisches Herz, gepaart mit Witz und einem scharfen analytischen Verstand. Sie wird natürlich zuerst mit dem Feminismus in Verbindung gebracht. Da ist es natürlich leicht, sie zu instrumentalisieren. Für die weibliche Emanzipation hat sie in den letzten 30 Jahren so viel erreicht wie keine andere Frau in der Bundesrepublik. Ich würde sie sehr gerne persönlich kennen lernen.
Gesine Schwan hat das Rennen um die Stelle als Bundespräsident verloren. Angela Merkel drängt sich für das bedeutendste Amt im Land in den Vordergrund. Ist es Zeit für eine Frau an der Spitze Deutschlands?
Ihre Wortwahl finde ich interessant. Sie „drängt sich in den Vordergrund“: Wäre Frau Merkel Herr Merkel, hätten Sie vermutlich „hat sich durchgesetzt“ geschrieben, oder? Doch zur Frage: Ja, ich finde, es ist Zeit für eine Frau an der Spitze der Bundesrepublik. Aber für eine solche Frau, die in der Lage ist, männliche und weibliche Wertvorstellungen zu denken und umzusetzen. Das sehe ich bei Angela Merkel leider immer weniger bis überhaupt nicht. Es reicht nicht die weibliche Verpackung. Gesine Schwan wäre auf Grund ihrer Lebensleistung, ihres Auftretens und ihrer Visionen hingegen eine sehr gute Bundespräsidentin gewesen.
Welche Frau in der Weltgeschichte hat Sie am meisten beeindruckt?
]An diesem Beispiel zeigt sich die bisherige Geringschätzung weiblicher Leistungen und Persönlichkeiten. Es wurden ja herzlich wenige Biografien bedeutender Frauen aufgearbeitet. Mir fällt an dieser Stelle Alva Myrdal ein. Sie war Schwedin, lebte im vorigen Jahrhundert, war Wissenschaftlerin, Politikerin und Diplomatin ihres Landes, Ehefrau von Gunnar Myrdal (Minister) und Mutter von drei Kindern. Sie hat durch ihre Arbeit viel für das schwedische Sozialwesen und die Frauen erreicht. Alva Myrdal war ihr Leben lang zerrissen zwischen den Anforderungen der verschiedenen Rollen, kämpfte aber. Öffentlich wirkte sie durch ihre Handlungen als Vorbild.
Wenn Sie sich mit drei Charaktereigenschaften beschreiben müssten, wie würden sie lauten?
Geprägt durch und sich auseinandersetzend mit dem Über-Ich (anerzogenes und angeeignetes Gewissen), vorsichtig warmherzig (erst mal gucken!) und reich an Gaben.
Und welche davon sind „typisch“ weiblich?
Keine!
Manche Menschen glauben, unsere Welt wäre friedlicher, würde das immer noch so genannte schwache Geschlecht mehr Verantwortung tragen. Eine Einschätzung, die Sie teilen?
Ja, das habe ich bereits beschrieben. Allerdings glaube ich, dass es nicht in weiblichen Gestalten daher kommen muss. Wenn Frauen und Männer ihre männlichen und weiblichen Seiten gleichermaßen erkennen und entwickeln, wird die Welt friedlicher. Diese Vision symbolisiert für mich der Dreiklang von Frieden – Gerechtigkeit – Bewahrung der Schöpfung.
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