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Rhein-Neckar-Zeitung, 4. 2. 2006
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Erschütternder Appell gegen die Todesstrafe
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Unschuldig im Todestrakt von Florida - Juan Melendez berichtete Adelsheimer Schülern von seinem Leben als Todeskandidat – Bis heute keine Wiedergutmachung
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Von Peter Lahr
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Adelsheim. Dass Juan Melendez am Dienstagvormittag vor rund 250 Schülerinnen und Schülern in der Turnhalle des Eckenberg-Gymnasium stehen kann, empfindet der 54-jährige Puertoricaner selbst als ein Wunder – und das scheint kaum übertrieben. 17 Jahre, acht Monate und einen Tag saß Juan Melendez im Todestrakt von Florida unschuldig ein und erwartete täglich seine Hinrichtung. Er war verurteilt für einen Raubmord, den er nicht begangen hatte. Erst als ein Tonband mit dem Geständnis des wahren Mörders auftauchte, wurde Melendez entlassen. Als sich die Gefängnistore öffneten, erhielt er vom Staat Florida eine Hose, ein Hemd und 100 Dollar.
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Wenn die Sentenz der alten Römer „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“ bis heute seine Richtigkeit bewahren kann, dann liegt es an Lehrern wie Detlev Backes und engagierten Frauen wie Susanne Cadona, die den Besuch von Juan Melendez organisieren. Das Thema „Todesstrafe“ behandelt Backes im Ethikunterricht. Doch neben Informationen in gedrucktem Wort und Bild setzt der Lehrer auch darauf, das Thema zu personalisieren. Viel eindringlicher als jeder Film oder Artikel wirkt der Dialog mit Juan Melendez. Seine Botschaft ist klar: er fordert die Abschaffung der Todesstrafe und zeigt sich überzeugt davon: „Es wird uns gelingen!“
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Am Dienstagvormittag geht es um Leben und Tod. Während in den USA die 1005. Hinrichtung seit Wiedereinführung der Todesstrafe vor 30 Jahren vorbereitet wird, spricht Juan Melendez über seine Zeit im Todestrakt von Florida. Jeder Tag dort kann den Gang zum elektrischen Stuhl bringen. Seine persönliche Tortur dauert 17 Jahre, acht Monate und einen Tag. Wie eine Beschwörungsformel wiederholt Melendez diese unvergessliche Zeitspanne.
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Mit Jeans, blau-weißem Langarm-Shirt ist er gekleidet, eine Goldkette hängt um den Hals des drahtigen Mannes, dem man sein Alter nicht ansieht. Melendez ist immer in Bewegung, steht selten mehr als wenige Sekunden still. Mit rauchiger Stimme spricht er in kurzen Sätzen, die er stets auf das Ende hin betont. Die weit ausladenden Bewegungen, mit denen Melendez das Gesagte illustriert, erinnern an die von Rappern. Doch das hier ist keine Fiction, kein Gangsta-Rap. Melendez erzählt seine Geschichte. Er erzählt sie subjektiv und nicht zum ersten Mal, aber das tut der Eindringlichkeit seiner Botschaft keinen Abbruch.
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Zunächst spricht Melendez einige Sätze auf Spanisch, seiner Muttersprache. „Was versteht ihr?“ , fragt er seine Zuhörer und demonstriert damit leicht nachvollziehbar, wie es ihm bei seiner Ankunft im Todestrakt von Florida ergeht. Er spricht zu diesem Zeitpunkt fast kein Wort Englisch.
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Melendez wird als Sohn puertoricanischer Eltern in New York geboren, seine Kindheit verbringt er aber in Puerto Rico. Er erinnert sich daran, dass er barfuss in die Schule geht und viele Freunde und Brüder an Krankheiten sterben. Nicht er: „I am a survivor“, betont er und lächelt breit.
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Mit 18 Jahren geht Melendez in die USA zurück und verdingt sich als Erntehelfer. Zunächst pflückt er in Florida Zitronen, Grapefruits und Orangen. 1984 arbeitet er in Pennsylvania auf einer Apfel-Plantage. Eines Tages erscheinen auf der Farm Polizeiautos. Polizisten nennen seinen Namen und verhaften ihn mit gezogener Waffe. Nur fünf Tage dauert sein Prozess, von dessen Ablauf er kaum etwas versteht. „I am not a killer“, appelliert der Angeklagte vergebens. Aufgrund von zwei Aussagen wird Juan Melendez schuldig befunden des Mordes an Delbert Baker. Das Urteil lautet Todesstrafe.
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Da fühlt Melendez erstmals Hass in sich aufsteigen. Völlig unterschiedlich sind die Gefühle, die ihn in den nächsten 17 Jahren, acht Monaten und einem Tag bewegen. Dem Hass folgen Angst und der Wille zu kämpfen. Trost geben ihm seine nächtlichen Träume und die unzähligen Briefe seiner Mutter. „Ich weiß, dass du unschuldig bist. Eines Tages wird ein Wunder geschehen“, schreibt sie ihm. Wie andere Mithäftlinge überlegt er sich, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, erkennt aber, dass der Wille zu Leben stärker ist. In schwarzen Mitgefangenen findet er „Brüder“, von einem lernt er amerikanisch. Dass er erleben muss, wie dieser auf dem Gefängnishof kollabiert und „wie ein Hund krepiert“, geht ihm bis heute nach.
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Mit einem Comicbild illustriert Melendez seine erste Reaktion auf das geschehene Wunder, das in Form eines Tonband-Geständnisses des mittlerweile erschossenen Mörders seine Unschuld an den Tag bringt: „Um meinen Kopf schwebten Sterne und ich lächelte.“
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Vor dem Gefängnistor erwartet Melendez eine Schar von Reportern, die ihn „viel dummes Zeug“ fragen. „Ich will den Mond sehen und die Sterne. Ich will auf Gras gehen und ein Baby auf dem Arm halten und eine schöne Frau sehen“, antwortet er ihnen.
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An seine Adelsheimer Zuhörer appelliert Juan Melendez: „Ich sehe eine großartige Zukunft in euch. Lernt, seid aufmerksam, ehrt eure Mutter und nutzt eure Chancen.“ Durch und durch amerikanisch verabschiedet sich der Redner mit den Worten „Peace and love to you all and God bless you“.
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