Weiter zum Inhalt
22Apr

Die Schule der Zukunft soll nicht verordnet werden

Welche Schule ist wo (noch) mög­lich? Bür­ger­ge­spräch mit Fach­leuten über Stand und Zukunft der Bil­dung in Baden-Würt­tem­berg

„Stellt die Schule auf den Kopf“ titelte jüngst „DIE ZEIT“. Ganz so dras­tisch for­mu­liert war die Ein­la­dung zum zweiten „Bil­dungs­ge­spräch“ über baden-würt­tem­ber­gi­sche Schul­po­litik nicht. Weil sie sich aber im Wandel befindet, luden der Phi­lo­lo­gen­ver­band und der Kreis­ver­band von Bündnis 90/Die Grünen nach Diedes­heim ins Gast­haus Krone, um zu infor­mieren und zu debat­tieren, ob das „Zwei-Säu­len­mo­dell Gym­na­sium und Gemein­schafts­schule klappen kann“. Um einen Über­blick zum aktu­ellen Sach­stand zu bekommen, hatten Chris­tine Denz und Sig­linde Mack sowie Richard Zöller und Frank End­lich Prof. Dr. Michael Her­mann ein­ge­laden. Er ist Leiter des Bereichs poli­ti­sche Grund­satz­an­ge­le­gen­heiten im Kul­tus­mi­nis­te­rium.

Mit Infor­ma­tionen und Thesen – Bil­dungs­re­serven für Hoch­qua­li­fi­zierte mobi­li­sieren, den demo­gra­fi­schen Wandel im Bil­dungs­be­reich meis­tern, Bil­dungs­er­folg von der sozialen Her­kunft ent­kop­peln, Inklu­sion an Schulen errei­chen und bei allem die Finanzen berück­sich­tigen – lie­ferte der Sozial- und Medi­en­wis­sen­schaftler genug Futter, zunächst für State­ments der Podi­ums­gäste und anschlie­ßend für die Dis­kus­sion mit dem Publikum, mode­riert von Gabriela Fischer-Rosen­feld. Zu stark dif­fe­ren­ziert und also starr, so der Redner, sei das Bil­dungs­system, um indi­vi­du­elles Lernen in sehr hete­ro­genen Schü­ler­gruppen zu berück­sich­tigen.

„Die regio­nalen Schul­struk­turen können nicht bleiben wie sie sind, aber wir wollen das mit den regio­nalen Schul­trä­gern und mit Ihnen ent­scheiden“, rich­tete er das Wort ans Publikum, in dem zahl­reiche Päd­agogen und Schul­leiter saßen, aber ebenso Kom­mu­nal­po­li­tiker. Her­mann warb für den Dis­kurs. „Es gibt noch keinen fixen End­punkt in der Schul­ent­wick­lung“, beschwich­tige er und ver­si­cherte, dass man nichts ver­ordnen wolle, son­dern auf kom­mu­nalen Kon­sens setze. Gleich­wohl ließ er nicht uner­wähnt, dass die (finan­zi­elle) Situa­tion nicht ein­fach sei und schmerz­hafte Maß­nahmen unum­gäng­lich seien. “Bei einem Rück­gang der Schü­ler­zahlen um 18 bis 20 Pro­zent bis 2020 wird ein Viertel weniger Lehrer gebraucht.“

Das war schwer ver­dau­liche Kost. Win­fried Bös vom Karls­ruher Phi­lo­lo­gen­ver­band fragte, was dem Land denn seine Lehrer wert seien? Statt funk­tio­nie­rende Struk­turen zu zer­schlagen plä­dierte er für die Frei­gabe von G8 oder G9 sowie die Plu­ra­lität des Schul­sys­tems. Denn: „Eltern sollen wei­terhin wählen können!“ Als Ver­tre­terin dieser Gruppe saß die stell­ver­tre­tende Bei­rats­vor­sit­zende der Pes­ta­lozzi-Real­schule (PRS), Elke Dör­rich, auf dem Podium. Sie zeich­nete ein „trau­riges Bild“ vom Bil­dungs­land und urteilte, dass das so genannte indi­vi­du­elle Lernen sich nicht bewährt habe und „nicht ver­wert­bare Azubis“ her­vor­bringe. „Ich bin für das Drei-Säulen-System – nach der sechsten Klasse.“

Nicht nur auf dem Podium wurde – ent­ge­gen­setzt zu Her­manns Dar­stel­lung der Finanz­si­tua­tion – mehr Geld für die Bil­dung gefor­dert. Dal­laus WRS-Schul­leiter Herwig Senk: „Wer den ’Bil­dungs­auf­bruch’ will“, appel­lierte er in Rich­tung Stutt­gart, „der braucht Geld.“ Unter anderem, um die neue Säule Gemein­schafts­schule zu stärken, die Senk auch des­halb befür­wortet, weil sich damit Schul­stand­orte erhalten ließen. Her­manns Pro­phe­zeiung, das nur noch jede dritte Gemeinde eine Schule der Sekun­dar­stufe haben könne, macht die Not­wen­dig­keit von gra­vie­renden Ände­rungen eben­falls deut­lich.

Die (finan­zi­elle) Bevor­zu­gung des neuen Schul­typs aller­dings monierte PRS-Schul­lei­terin Inge Koch als „Ungleich­be­hand­lung“. „Keine Kon­kur­renz der Schulen unter­ein­ander, bitte!“ for­derte Lie­se­lotte Haas von der WRS Dallau. Nie­mandem und keinem Schultyp werde etwas weg­ge­nommen, hielt Her­mann dagegen.

„Die Lan­des­re­gie­rung ver­steht Bil­dungs­po­litik als einen Pro­zess, der von unten wächst“, heißt es auf der Web­site des Minis­te­riums. Das Diedes­heimer Bil­dungs­ge­spräch hat (und so wollten die Ver­an­stalter es ver­standen wissen) – bei aller Unter­schied­lich­keit der Mei­nungen, Ansätze und Wün­sche – dazu einen Bei­trag geleistet. Im Mai soll der Ent­wurf für ein Schul­ent­wick­lungs­kon­zept von der Lan­des­re­gie­rung vor­ge­legt werden. Aus Mos­bach konnte Prof. Her­mann dazu einige Anre­gungen mit nach Stutt­gart nehmen.

(Artikel von Ursula Brink­mann)

veröffentlicht am 22.04.2013 mit den Schlagwörtern