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05Jun

Ganz besonders und ganz normal

Mög­lich­keiten und Hürden der Inklu­sion an Schulen dis­ku­tierte eine Exper­ten­runde in Aglas­ter­hausen

Politik trifft Praxis: Erfah­rungen mit Inklu­sion an Schulen nahm der grüne Lan­des­vor­sit­zende Oliver Hil­den­brand (3.v.r.) aus Aglas­ter­hausen mit. Mit­dis­ku­tiert haben (v.r.) Rektor Walter Zeller, Son­der­schul­kon­rek­torin Con­stance See­liger, Kreis­rätin Simone Heitz, Fach­leh­rerin Claudia Fensky-Perina sowie wei­tere Leh­re­rinnen und Eltern.

Neun Jahre Erfah­rung mit Inklu­sion, dazu die Per­spek­tive von Leh­re­rinnen, Schul­lei­tungen und Eltern holten die Grünen Neckar-Oden­wald und deren Kreis­tags-Frak­ti­ons­spre­cherin Simone Heitz an einen Tisch. Aus dieser Runde bekam Oliver Hil­den­brand, Lan­des­vor­sit­zender von Bündnis 90/Die Grünen, unge­fil­tert Infor­ma­tionen dar­über, was inklu­sive Schul- und Unter­richts­mo­delle brau­chen, um zu gelingen – und wo die Pro­bleme liegen.

Vom geistig oder kör­per­be­hin­derten Kind über Kinder mit her­aus­for­derndem Ver­halten in der Schule für Erzie­hungs­hilfe bis hin zum hoch­trau­ma­ti­sierten Kind reicht die Band­breite derer, die in der Schwarz­bach Schule der Johannes-Dia­konie ein Unter­richts­an­gebot erhalten. Von aktuell ins­ge­samt 149 Schü­le­rinnen und Schü­lern der Schwarz­bach Schule werden rund 100 bereits in so genannten Außen­klassen von inter­dis­zi­pli­nären Leh­rer­teams unter­richtet. Seit 2006 gibt es diese prag­ma­ti­sche Unter­richts­form, mitt­ler­weile nicht nur im Kreis Mos­bach, son­dern auch in der Nach­bar­schaft. Sie funk­tio­niert, so die Ver­ant­wort­li­chen, wenn das Per­sonal eng zusam­men­ar­beitet und gut orga­ni­siert ist. Im nächsten Schul­jahr steigen Part­ner­schulen in Aglas­ter­hausen und Epfen­bach sogar in den Ganztags­betrieb ein. Con­stance See­liger, Son­der­schul­kon­rek­torin der Schwarz­bach Schule, ist mit Walter Zeller, Rektor in Aglas­ter­hausen, einig, dass der Ein­stieg in die Inklu­sion, damals noch in der Sekun­dar­stufe, eine große Her­aus­for­de­rung war – aber auch eine „sehr gute Erfah­rung“. „Wenn man unser Grund­ge­setz ernst nimmt, ist das eine wich­tige Arbeit, für die wir noch viel mehr Leute sen­si­bi­li­sieren müssen“, sagt Zeller. Was es dazu braucht, lehrt die Praxis: Kleine Klas­sen­teiler von maximal 20 Schü­lern, Koope­ra­ti­ons­stunden für alle Lehr­kräfte, klare Vertretungs­regelungen, Richt­li­nien für Bewer­tungen und Zeug­nisse sowie ein­heit­liche Schul­strukturen. Es nützt Eltern wie Anja Arlt wenig, wenn ihre Kinder nur in der Grund­schule inklusiv ver­sorgt sind: „Wie geht es nach der 4. Klasse weiter?“, fragt sie.

Neben den inhalt­li­chen Grenzen dessen, was Lehrer gelernt haben und leisten können, birgt der inklu­sive Schul­alltag jede Menge Pro­bleme, so dass zum Bei­spiel Fach­leh­rerin Claudia Fensky-Perina die „Eck­punkte des neuen Schul­ge­setzes“ noch lange nicht für umsetzbar hält: Der erhöhte Betreuungs­bedarf in Außen­klassen, in denen sie von Anfang an arbeitet, erfor­dert ein Kol­le­gium aus klas­sisch aus­ge­bil­deten Leh­rern und Son­der­päd­agogen samt Betreuungs­­personen. An welche Schulen sind diese jeweils ange­glie­dert? Wel­ches Stunden­kontingent haben sie? Wie werden sie bezahlt, wie päd­ago­gisch ver­netzt? Wel­chen Gre­mien müssen sie ange­hören, um sinn­voll zu arbeiten, wer ist zuständig für die Eltern­ar­beit? Und wie bereitet man den Lehrer­nachwuchs auf die Her­aus­for­de­rung Inklu­sion vor?

Anne Simon, Grund- und Haupt­schul­leh­rerin, hat in ihrer ersten Außen­klasse schnell gelernt den Lehr­plan dif­fe­ren­ziert zu sehen. Zuerst gehe es darum, sich in einer Klasse mit den unter­schied­lichsten Kin­dern und ent­spre­chend ver­schie­denen Bil­dungs­plänen zurecht­zu­finden: „Man ver­lässt sich darauf, dass man Hilfe bekommt, aber das ist der Glücks­fall“, beschreibt sie ihre Erwar­tung. Die junge Leh­rerin hat den­noch erlebt, dass Inklu­sion mit dem pas­senden Per­sonal gelingt und ist über­zeugt: „Es muss mehr sonder­pädagogische Kom­pe­tenz an die Schulen, pau­schal, und nicht pro Kopf.“ Darin ist sie mit Hil­den­brand einig, der ent­gegen anderer Behaup­tungen klar­stellt: „Auf son­der­päd­ago­gi­schen Sach­ver­stand kann nicht ver­zichtet werden.“ Um ein grund­le­gendes Ver­ständnis für Inklu­sion her­aus­zu­bilden, hält der Lan­des­po­li­tiker es für wichtig, Inklu­sion in der Lehrer­ausbildung zu ver­an­kern. Anne Simon gibt ihm dazu mit, sie habe am meisten von der Erfah­rung im Kol­le­gium pro­fi­tiert: „Man erfindet zu vieles neu.“ Die Res­source des Team­tea­ching – des Ler­nens im und vom Team – sollte in der Lehrer­ausbildung mehr genutzt werden, findet auch Fensky-Perina. Vieler Pro­bleme sei man sich in Stutt­gart bewusst, stellte Oliver Hil­den­brand klar: Die Landes­regierung mache sich keine Illu­sionen, dass die Umset­zung des Inklusions­gebots rei­bungslos ver­läuft. Die Steue­rung der Geld­mittel im Bil­dungs­system sei ein „wunder Punkt“. Den Weg in eine inklu­sive Gesell­schaft der Zukunft könne die Gemein­schafts­schule als inklu­siver Schul­typus mit ebnen. „Das ist noch ein langer Weg“, räumte der Poli­tiker ein. Dass er sich lohnt, bestä­tigt Inklu­sions-Veteran Zeller: „Meine zen­tralste Erfah­rung in über 30 Jahren als Schul­leiter ist die mit Außen­klassen“, sagt er.

(Artikel von Annette Gast-Prior)

veröffentlicht am 05.06.2014 mit den Schlagwörtern