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14Dez

Wie die Integration von Migranten gelingt

6. Mos­ba­cher Bil­dungs­ge­spräch mit Land­tags­prä­si­dentin Muh­terem Aras

Bil­dung und Inte­gra­tion gemeinsam – so kann es gehen! In Zeiten kol­lek­tiven Gejam­mers setzte der Arbeits­kreis Mos­ba­cher Bil­dungs­ge­spräche in der Dualen Hoch­schule einen Kon­tra­punkt. Gleich vier „Leucht­türme“, dar­unter die baden-würt­tem­ber­gisch Land­tags­prä­si­dentin Muh­terem Aras, zeigten auf, wie Bil­dungs­bio­gra­fien ein­ge­wan­derter Men­schen gelingen können. Deut­lich wurde dabei vor allem eines: Ohne Offen­heit, viel harter Arbeit und gutem Willen von allen Seiten geht es nicht. Wenn es aber gelingt, haben am Ende alle etwas davon. Denn, darin waren sich alle einig, Bil­dungs­chancen der Kinder sollten nie von Geld­beutel oder Her­kunft der Eltern abhängen.

Schon zum sechsten Mal pro­fi­lierte sich der Arbeits­kreis aus Mit­glie­dern des Phi­lo­lo­gen­ver­bandes Baden-Würt­tem­berg und des Grünen Kreis­ver­bandes als Avant­garde in Sachen Bil­dung. An der Naht­stelle von Kon­zepten und Wirk­lich­keit leuch­tete die Initia­tive unter der sou­ve­ränen Mode­ra­tion von Gabriela Fischer-Rosen­feld aus, was pas­sieren muss, damit Bil­dungs­bio­gra­fien gelingen und Inte­gra­tion tat­säch­lich geschieht.

Den Auf­takt machte die Schul­lei­terin des Deutsch­orden Gym­na­siums Bad Mer­gen­theim, Sabine Rühtz. Die Päd­agogin aus Lei­den­schaft hatte als junge Leh­rerin in den 1980er Jahren am Hei­del­berger Eng­li­schen Institut erlebt, wie ira­ni­sche Kinder in Win­des­eile in die Schule inte­griert wurden: direkt in den alters­ge­mäßen und deutsch­spra­chigen Klassen. Qua­li­fi­zierter Sprach­un­ter­richt in Deutsch als Zweit­sprache kommt noch dazu. „Das macht Arbeit, funk­tio­niert aber erstaun­lich gut“, so ihre Bilanz des Pilot­pro­jekts als soge­nannte Star­ter­schule. „Inte­gra­tion erfolgt haupt­säch­lich durch Freund­schaft“, lautet ihr Credo. Auch die anderen Kinder und Jugend­liche pro­fi­tieren von diesem Unter­richt, der bewusst jeden abholt, wo er steht. Wie erkennt sie, dass Kinder ohne Deutsch­kennt­nisse für ihr Gym­na­sium geeignet sind? Neben Mathe­matik- und Eng­lisch­kennt­nissen sowie Ein­stu­fungs­tests gehören Gespräch dazu. „Ihr werdet dop­pelt so viel arbeiten müssen wie die Anderen“, macht sie ihren Schütz­lingen nichts vor. Der Erfolg gibt ihr Recht. Die Ersten haben drei Jahre nach ihrer Ankunft gerade Abitur gemacht.

Ein för­derndes Umfeld hat auch Muh­terem Aras erlebt, als sie mit zwölf Jahren aus einem ost­ana­to­li­schen Dorf ohne Elek­tri­zität von ihrem Vater mit den anderen vier Geschwis­tern und der Mutter nach Fil­der­stadt geholt wurde. Obwohl die Eltern selbst nie in den Genuss von guter Bil­dung gekommen waren, för­derten und for­derten sie ihre Kinder enorm. Dazu kam eine geniale Leh­rerin, die das Poten­zial des Mäd­chens erkannte und deren Bega­bung für Zahlen, die ja bekannt­lich erst einmal ohne Sprach­kennt­nisse aus­kommen. Der Haupt­schule schloss sich die Mitt­lere Reife, das Abitur, das Wirt­schafts­stu­dium und die Tätig­keit als Steu­er­be­ra­terin an. Ihr Enga­ge­ment für Men­schen­rechte und Min­der­heiten brachte sie in die Politik, wo sie im Früh­jahr in ihrem Stutt­garter Wahl­kreis nicht nur das beste Land­tags­wahl­er­gebnis über­haupt holte, son­dern auch noch die AfD am kleinsten hielt.

Das war bei der heute 26-jäh­rigen Nabila Bushra anders. Die 1992 aus dem Iran ein­ge­wan­derte, heute in Frank­furt lebende Päd­agogin der Kinder- und Jugend­ar­beit hat eine wech­sel­hafte Schul­kar­riere hinter sich. Bei ihr waren es die enga­gierten Nach­barn in einem Dorf im Rheingau, die sie ein­luden, ihr bei den Haus­auf­gaben halfen, sie zum Turn­verein brachten sowie eine Sozi­al­ar­bei­terin, die ihr Poten­zial erkannte und sie moti­vierte, ihren Weg zu gehen. „Nie­manden abstem­peln, nur weil er Ali heißt“, das ver­sucht sie heute den Kol­le­gien in Kin­der­garten und Schule zu ver­mit­teln. Auch bei ihr führen die erhal­tenen Bil­dungs­chancen zu gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment.

Gut mög­lich, dass das auch einmal bei Majid Ahmadi der Fall sein wird. Der 17-Jäh­rige aus Afgha­ni­stan ist erst vor einem Jahr vor Krieg und Terror geflohen und allein in Deutsch­land ange­kommen. Jetzt erzählt er in flie­ßendem Deutsch von seiner Absicht, zu lernen, zu lernen, zu lernen. Hat ihm doch sein Vater stets ein­ge­schärft: „Geld kommt und geht, aber das, was Du in Deinem Kopf hast, das kann Dir nie­mand weg­nehmen“.

(Artikel von Kirsten Baum­busch)

veröffentlicht am 14.12.2016 mit den Schlagwörtern