Weiter zum Inhalt
29Jul

Grüne stellen sich zentralen Zukunftsfragen

Podi­ums­dis­kus­sion mit Dr. Ger­hard Schick zu Wirt­schaft und Finanzen

Erfreut stellte der Grüne Kreis­vor­sit­zende und Bun­des­tags­kan­didat Hans-Detlef Ott bei der Begrü­ßung im Mos­ba­cher „Amts­st­üble“ fest, dass trotz des Som­mer­wet­ters zahl­reiche Inter­es­sierte der Ein­la­dung des Grünen Arbeits­kreises Wirt­schaft zu einer Podi­ums­dis­kus­sion gefolgt waren: „Die Zeit ist reif für Grüne Themen“. Als Refe­renten hieß er zunächst mit dem finanz­po­li­ti­schen Spre­cher der Bun­des­tags­frak­tion MdB Dr. Ger­hard Schick aus Mann­heim einen im Neckar-Oden­wald-Kreis regel­mäßig und gern gese­henen Gast will­kommen. Als wei­tere Vor­tra­gende begrüßte er Dr. Uwe Graser, Gemein­derat aus Aglas­ter­hausen, sowie den Mos­ba­cher AL-Stadtrat Joa­chim Barzen. Hans-Detlef Ott betonte ein­gangs, dass der Arbeits­kreis Wirt­schaft mit dieser Ver­an­stal­tung über die Par­tei­grenzen hinweg einen Bei­trag zum Wei­ter­denken der bestehenden Wirt­schafts­struk­turen leisten wolle.

In seinem Referat „Der Green New Deal – Wirt­schaften, aber GRÜN!“ stellte Dr. Ger­hard Schick die Grund­züge grüner Wirt­schafts- und Finanz­po­litik vor. Dabei unter­strich er die Bereit­schaft der Grünen, die zen­tralen Zukunfts­fragen zu stellen und bri­sante Themen anzu­pa­cken und zu han­deln, auch wenn dies nicht opportun sei und die Kon­se­quenzen unbe­quem. Doch ange­sichts der erst­ma­ligen Über­schrei­tung der magi­schen Schwelle von „400 parts per mil­lion“ bei der CO2-Kon­zen­tra­tion in der Erd­at­mo­sphäre sei mitt­ler­weile drin­gender Bedarf gegeben, so MdB Schick. Die Themen Kli­ma­dis­kus­sion und Gefähr­dung der Bio­di­ver­sität (Arten­viel­falt) stufte er als die aktuell drän­gendsten Fragen für die Zukunft der Men­schen ein: „Wir ver­brau­chen zur­zeit mehr Erde als wir haben“. Und auch wenn bei der Euro- und Finanz­krise zur­zeit poli­ti­sches Schweigen herr­sche, so lau­tete seine Pro­gnose: „Sobald der Wahltag vorbei ist, werden unan­ge­nehme Fragen in der Euro­zone wieder akut“.

Enga­giert for­derte der grüne Finanz­ex­perte ein Umdenken und Umlenken der Wirt­schafts- und Finanz­po­litik durch öko­lo­gi­sche Besteue­rung – hin zu mehr Kreis­lauf­wirt­schaft und damit weniger Roh­stoff­ver­brauch. Wich­tige Bau­steine seien dabei die Stei­ge­rung der Ener­gie­ef­fi­zienz, der Umstieg auf Erneu­er­bare Ener­gien sowie öko­lo­gi­sche Markt­stan­dards und recy­cling­fä­hige Mate­ria­lien. Zudem müssten dem Brut­to­in­lands­pro­dukt als bisher ein­zigem Maß­stab wei­tere wich­tige Indi­ka­toren zur Seite gestellt werden wie soziale und öko­lo­gi­sche Kri­te­rien und die Kom­po­nente Zufrie­den­heit. Der Finanz­markt diene dabei als Hebel für die wirt­schaft­liche Ent­wick­lung. Dr. Schick stellte abschlie­ßend die all­ge­meine Aus­sage „Wenn die Wirt­schaft wächst, geht es uns allen besser“ infrage und unter­strich die Not­wen­dig­keit, alter­na­tive Wirt­schafts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Dazu sei harte Rechen­ar­beit nötig. Doch die Zeit dränge, um die vor­herr­schende „Har­monie auf der Titanic“ zu durch­kreuzen und Wege aus den dro­henden Kri­sen­sze­na­rien zu ent­wi­ckeln.

Inhalt­lich direkt anschlie­ßend defi­nierte Dr. Uwe Graser zunächst das Schlag­wort „Nach­hal­tig­keit“ unter öko­no­mi­schen, öko­lo­gi­schen und sozialen Aspekten und hielt unter dem Titel „Wirt­schafts­wachstum oder Nach­hal­tig­keit?!“ ein Plä­doyer für eine Post­wachs­tums­ge­sell­schaft. Er wies auf die aktu­elle Abhän­gig­keit des Wohl­stands vom Faktor Wachstum hin und nannte als Preis dafür eine tief­grei­fende Beschä­di­gung der Umwelt und die vehe­mente Aus­beu­tung der Res­sourcen. Diesen Preis zahlten dabei jedoch bevor­zugt „die Anderen“ – zum einen durch räum­liche Aus­la­ge­rung der Pro­duk­tion, zum anderen durch die zeit­liche Ver­schie­bung der Kon­se­quenzen. Doch der Faktor Zeit werde knapp und zur­zeit gera­dezu „erkauft“. Auch Dr. Graser drängte auf eine schnelle Ver­än­de­rung hin zu einer nach­hal­tigen Post­wachs­tums­ge­sell­schaft. „Crash oder Umge­stal­tung“ brachte er die Pro­ble­matik auf den Punkt. Eine Umge­stal­tung sei nur durch die Ver­än­de­rung der bis­he­rigen Lebens­ge­wohn­heiten und geän­derte Rah­men­be­din­gungen mög­lich. Dr. Graser regte an, in moti­vierten Gruppen durch soziale und poli­ti­sche Teil­nahme ent­spre­chende Struk­turen wie bei­spiels­weise regio­nale Wirt­schafts­kreis­läufe zu schaffen. Die Bereit­stel­lung der not­wen­digen Infra­struktur käme dabei dem Staat bzw. den Kom­munen zu und könne durch eine erhöhte Ver­mö­gens­steuer finan­ziert werden.

Der Mos­ba­cher AL-Stadtrat Joa­chim Barzen for­derte anschlie­ßend: „Die Rück­kehr des Real-Geldes. Warum unser Zah­lungs­mittel vom Zwang der kurz­fris­tigen Ren­dite befreit werden muss. Und was es bringt.“ und plä­dierte eben­falls für ein Wirt­schafts­system ohne Wachs­tums­zwang. Anschau­lich ver­wies er darauf, dass bei funk­tio­nie­renden bio­lo­gi­schen Sys­temen Wachs­tums­grenzen herrschten: „Hier wächst nichts in den Himmel“. Anders sehe es in der Vor­stel­lung der Finanz­wirt­schaft aus, die auf gren­zen­loses Wachstum setze. Jedoch habe die unge­hin­derte Geld­ver­meh­rung seit den 1970er Jahren welt­weit zu etwa 170 Krisen und die ungleiche Ver­tei­lung von Kapital und Arbeit zuneh­mend zu sozialen Unruhen geführt. Nun sei der „Knack­punkt“ erreicht, bilan­zierte auch Joa­chim Barzen und for­derte eine „kom­ple­men­täre“ (ergän­zende) Wäh­rung als Gegen­ent­wurf zum bestehenden Finanz­system. Da dieses Geld zins­frei sei, fließe es immer wieder in den Wirt­schafts­kreis­lauf zurück und könne sich nicht durch Zins und Zin­ses­zins ein­seitig ver­mehren.

Die anschlie­ßende, von Hans-Detlef Ott mode­rierte Dis­kus­sion ver­lief leb­haft und es wurde sei­tens der Zuhörer/innen viel Zustim­mung zu den vor­ge­tra­genen Punkten laut. Zum Abschluss der Ver­an­stal­tung stellte Karl-Heinz Rei­chert, eben­falls aktiv im Arbeits­kreis Wirt­schaft, noch die „Initia­tive Regio­nale Wäh­rungen“ vor.

(Artikel von Chris­tine Böhm)

veröffentlicht am 29.07.2013 mit den Schlagwörtern , ,