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22Jan

Ansprache zur Eröffnung der Kreisgeschäftsstelle am 19.01.2020

„In dieser März­nacht trat ich spät aus meinem Haus.
Die Straßen waren auf­ge­wühlt von Lenz­ge­ruch und grünem Saat­regen“

sagt Ernst Stadler in seinem Gedicht „Vor­früh­ling“. Aber das war 1914, also vor dem men­schen­ver­ur­sachten Kli­ma­wandel. Heute sind wir schon im Januar im Vor­früh­ling und grüner Saat­regen lag letzte Woche auch eines Abends in der Luft, als ich aus der Bahn­hofs­un­ter­füh­rung trat und das erste, das ich sah, das Grüne Büro war. Wenn man die Region etwas genauer kennt, dann weiß man, dass der Ein­druck einer „Green City“ noch täuscht, aber auch in unserem Land­kreis grünt es, oder wie der Dichter weiter sagt:

„In jedem Luft­hauch war ein junges Werden aus­ge­spannt“

Die Ergeb­nisse der Wahlen 2019 zeigen es und seit November ist Char­lotte die erste Grüne Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete in Oden­wald-Tauber seit 30 Jahren! Unser Land­kreis hat eine wei­tere demo­kra­ti­sche Stimme in Berlin – und das ist für alle im NOK wichtig.

Für Char­lotte war sofort klar, dass sie in beiden Teilen ihres Wahl­kreises selbst­ver­ständ­lich ein Büro ein­richten wird. Für uns als Kreis­ver­band bot sich damit die Chance, als Unter­mieter eine Kreis­ge­schäfts­stelle unter einem gemein­samen Dach zu eröffnen, eine Art grünes Traum­schiff: Auf der Brücke der Kreis­ver­band und hier Char­lottes Ball­saal für das captain’s dinner (oder ist es der Maschi­nen­raum?). Die Tren­nung wird übri­gens strengs­tens über­wacht von Pro­vi­ant­meister Boris Cotar. An dieser Stelle einmal herz­li­chen Dank dafür.

Die zusätz­li­chen grünen Stimmen tun dem NOK gut. Ich freue mich, dass auch Mit­glieder anderer demo­kra­ti­scher Par­teien heute hier sind. Für manche wäre das ja ein Zei­chen, dass wir alle unter einer Decke ste­cken. Klar, als Demokrat*innen sind wir uns über die Wer­te­basis einig, aber inhalt­lich, das ist mir wichtig, unter­scheiden wir uns deut­lich.

Als Mos­ba­cher, als Fami­li­en­vater, als Grüner Kreis­vor­sit­zender halte ich z.B. die Schlie­ßung der Geburts­sta­tion in Mos­bach für falsch, denn Daseins­vor­sorge muss den Men­schen dienen. Ich weiß aber auch, dass im Land­kreis nicht nach dem Sankt-Flo­rians-Prinzip gehan­delt werden darf. Natür­lich haben die Schwie­rig­keiten, in denen sich unsere Neckar-Oden­wald-Kli­niken befinden, unter­schied­liche Ursa­chen, wes­halb auch die Lösungen nicht so ein­fach sind, wie sich das man­cher Leser­brief­schreiber vor­stellt. Ich denke, darin sind wir uns mit unseren demo­kra­ti­schen Mit­be­wer­bern einig.

Der Unter­schied besteht aber darin, dass wir schon seit Jahren for­dern, der Bevöl­ke­rung reinen Wein ein­zu­schenken und das konnten alle in den letzten Wochen von unserer Seite in der Presse auch wie­der­holt nach­lesen. In der Haupt­sache bedeutet das für uns:

  • Die Umstruk­tu­rie­rung braucht Zeit, damit sie Erfolg haben kann.
  • Die Öffent­lich­keit hat ein Recht darauf zu erfahren, was Pri­va­ti­sie­rung wirk­lich bedeutet.

Pri­vate Träger und deren Ziele einer­seits hinter dem Begriff „stra­te­gi­sche Partner“ zu ver­schleiern und auf der anderen Seite den Wahrer lokaler Inter­essen zu mimen, wird es mit uns nicht geben (Spoiler: Ein stra­te­gi­scher Partner hat näm­lich eine Stra­tegie und die ist zwar legitim, aber es ist nicht unbe­dingt das Gemein­wohl). Dafür stehen wir Grünen und dafür arbeiten wir ab heute auch hier, damit unser Land­kreis grüner wird.

Bleibt die Frage offen, wie ich nach Hause kam. Zum Schluss des­halb noch einmal – fast pro­gram­ma­tisch – Stadler:

„Durch die ver­störte Häu­ser­sen­kung ging ich weit hinaus
Bis zu dem unbe­deckten Wall und spürte: meinem Herzen schwoll ein neuer Takt ent­gegen.“

Vielen Dank für eure Auf­merk­sam­keit.

Andreas Klaffke, Kreis­vor­sit­zender

veröffentlicht am 22.01.2020