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19Feb

RNZ-Bericht zur Podiumsdiskussion „Bauernsterben? Bienensterben? – Zukunftsfähige Auswege gesucht!“ von Peter Lahr

Dallau. Mit der Podi­ums­dis­kus­sion „Bau­ern­sterben? Bie­nensterben? – Zukunfts­fä­hige Aus­wege gesucht!“ scheinen die Bünd­nis­grünen einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Denn der Saal des Gas­hauses „Zur Pfalz“ in Dallau füllte sich bis auf den aller­letzten Stuhl. Gut 160 Zuhörer begrüßte die grüne Kreis­vor­stands­spre­cherin Amelie Pfeiffer. „Das wird min­des­tens so span­nend wie die ver­scho­bene Ver­an­stal­tung des Fach­dienstes Land­wirt­schaft zum Thema ‚Gemein­samer Antrag’“, ver­sprach Mode­ra­torin Frie­de­rike Kroitzsch.

Auf dem Podium standen MdB Alois Gerig (CDU), MdL Martin Hahn (Grüne) und Demeter-Bauer Martin Schäfer, Vor­stands­mit­glied der Arbeits­ge­mein­schaft Bäu­er­liche Land­wirt­schaft. Tat­säch­lich dis­ku­tierte man nahezu drei Stunden – zunächst auf dem Podium, dann mit dem Publikum.

Das Schöne an der Ver­an­stal­tung: Man sprach mit­ein­ander, nicht über­ein­ander. Wes­halb sich die Mode­ra­torin am Ende wünschte, dass der zarte Gesprächs­faden nicht abreißen möge. „Jen­seits des ‚Weiter so!’ suchen wir nach Leit­planken für eine neue Land­wirt­schaft“, betonte Amelie Pfeiffer. Denn: „Land­wirte sorgen sich um ihre Exis­tenz. Kinder sorgen sich um ihre Zukunft.“ Ihr Appell lau­tete des­halb: „Irgendwie sitzen wir alle in einem Boot.“

Keine par­tei­po­li­ti­schen Berüh­rungs­ängste zeigte Alois Gerig. „Mir ist jede Mög­lich­keit recht, über die Land­wirt­schaft zu reden“, unter­strich der Poli­tiker, der seit fünf Jahren den Bun­des­tags­aus­schuss für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft leitet. „Der Kli­ma­wandel ist nicht schön­zu­reden“, betonte Gerig.

Er ver­wahrte sich jedoch dagegen, dass die Land­wirte die Zeche dafür zahlen sollten. „Das Bau­ern­ba­shing muss auf­hören.“ Er habe nichts dagegen, wenn Höfe auf „Bio“ umstiegen. Jedoch müsse der Markt über die ent­spre­chende Nach­frage ver­fügen. Die Politik könne hier nur „beflü­geln“. Eine bes­sere Kenn­zeich­nung solle den Ver­brau­cher dabei unter­stützen, „in das rich­tige Super­markt­regal zu greifen“. Nach­hal­tige und regio­nale Pro­duk­tion seien hier gefragt. Zudem könne man auf Pflan­zen­schutz nicht ver­zichten.

Das Volks­be­gehren fand er schlecht, weil es die Pola­ri­sie­rung för­dere. Aber: „Das Ergebnis ist o.k. Das Eck­punkte-Papier könnte eine Blau­pause für den Bund sein.“ Klare Worte und mit­unter über­ra­schende Ansichten waren das Mar­ken­zei­chen von Martin Hahn, agrar­po­li­ti­scher Spre­cher der Grünen im Stutt­garter Landtag und Aus­schuss­vor­sit­zender Länd­li­cher Raum. Kein Wunder, dass Gerig in ihm einen „Aus­nahme-Grünen“ sah. Nach der Aus­bil­dung in kon­ven­tio­neller Milch­vieh­hal­tung stellte der Über­linger bereits 1986 auf „Bio“ um.

Da es lange keine Zuschläge für Bio-Milch gab, ent­deckte er die Gemü­se­pro­duk­tion für Groß­kü­chen. Auch der „Öko­bauer aus Lei­den­schaft“ mahnte beim „Umstellen“ ein lang­sames Tempo an. Denn es brauche lange, bis der Ver­brau­cher seine Gewohn­heiten ändere. Die Pariser Kli­ma­ziele for­derte Hahn dagegen vehe­ment ein: „Die sind kein Furz. Das ist ein unter­schrie­bener Ver­trag.“ Beim „Lieb­lings­tier Biber“ sei mit einer Popu­la­tion von 6 000 im Ländle der Wen­de­punkt erreicht: „Wir müssen das Pro­blem anders lösen als bisher.“
Eigenes Leben ändern

„Wir haben 70 Milch­kühe und bewirt­schaften 70 Hektar Grün­land sowie 25 Hektar Streu­obst­wiese“, stellte Martin Schäfer aus Neu­en­stein seinen Demeter-Hof vor. Ver­brau­cher und Land­wirte ris­kierten der­zeit, dass die Erde unbe­wohnbar werde, mahnte Hahn. Es müsse jetzt damit begonnen werden, das eigene Leben zu ändern. Letzt­lich helfe nur eine Absto­ckung des Vieh­be­standes, um das Pro­blem der Über­dün­gung und Nitrat­be­las­tung zu lösen.

Das Gegen­ar­gu­ment, Bio­milch könne den Markt über­schwemmen, ver­wies er ins Reich der Legende. Wegen gerin­gerer Milch­leis­tung gäbe es sogar ein Drittel weniger Milch, wenn alle deut­schen Milch­bauern auf „Öko“ umstellen würden.

Auch könne die „Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft“ mit dazu bei­tragen, eine Brücke zwi­schen Bauern und Ver­brau­chern zu schlagen. Viele Detail­fragen hatte das Podium im Anschluss zu beant­worten. Da zeigten sich dann auch unter­schied­liche Schwer­punkte und Lösungs­stra­te­gien der ein­zelnen Par­teien auf.

 

Autor: Peter Lahr

veröffentlicht am 19.02.2020