Weiter zum Inhalt
24Nov

Das geht uns alle etwas an

Ger­linde Kret­sch­mann zu Gast beim Früh­stücks­ge­spräch „Frauen auf und nach der Flucht“

Gerlinde KretschmannZwei Stunden hat Ger­linde Kret­sch­mann, Ehe­frau des baden-würt­te­m­ber­gi­schen Minis­ter­präsi­den­ten, am Samstag im Neckar-Oden­wald-Kreis ver­bracht. Beim Frühstücks­gespräch zum Thema „Frauen auf und nach der Flucht“ bestimmten Er­fahrungen vor allem aus der ehren­amtlichen Flüchtlings­arbeit die Dis­kus­sion. Ent­spre­chend der aktu­ellen Lage ist die Situa­tion der Frauen in Sammel­unter­künften oder in spe­zi­ellen Unter­bringungs­formen be­son­ders, weil sie in der Min­der­heit sind. Obwohl Frauen und Kinder als beson­ders schutz­bedürftig gelten, sei dieser gesetz­lich for­mu­lierte Anspruch in den Gemein­schafts­unter­künften oft nicht erfüllt, unter­stützten meh­rere Frauen aus der Flücht­lings­hilfe das Anliegen von Mode­ra­torin Chris­tine Denz, hier Miss­stände zu benennen. Auf dem weiten Feld des Ehren­amts ist auch die First Lady aus dem Süd­westen daheim, die sich selbst lieber als Mit­strei­terin von Frei­wil­ligen denn als „Schmuck­frau“ sieht. Anteil­neh­mend und kundig zeigte sie sich in der Runde aus Mit­glie­dern von Flücht­lings­arbeits­kreisen und -initia­tiven. Ein­ge­laden hatte der Kreis­ver­band der Grünen gemeinsam mit der Mos­ba­cher Mahn­wache für Frau­en­rechte welt­weit sowie dem ört­li­chen Asyl-Arbeits­kreis. Die Zuwan­de­rungs­si­tua­tion sieht Kret­sch­mann in Baden-Würt­tem­berg in einer langen Tra­di­tion, in der aktu­ellen Dimen­sion aber als Her­aus­for­de­rung für die gesamte Gesell­schaft. Sie lebens- und lie­bens­wert zu erhalten, sei eine Gemein­schafts­aufgabe: „Das geht uns alle etwas an.“ Dem Ehrenamt hat sich die ehe­ma­lige Leh­rerin selbst ver­schrieben, seit sie im Ruhe­stand ist. Aus eigener Anschauung wisse sie des­halb, wie wichtig dabei Ver­net­zung ist. Dazu rief sie die Anwe­senden auf, mahnte dazu, sich nicht aus­nutzen zu lassen, und bekannte: „Das Ehrenamt ist schön – aber nicht immer.“

Bestechend fanden viele der über 30 Früh­stücks­gäste im ess werk der Abenteuer­golf­anlage Inputt, wie die „Lan­des­mutter“ selbst­ver­ständ­lich alle Anwe­senden per Hand­schlag, mit freund­li­chen Worten und offenem Blick begrüßte. „Eine ganz nor­male Frau“, regis­trierten viele und spra­chen im geschützten Rahmen vor allem All­tags­pro­bleme in bestehenden Flücht­lings­unter­künften an; andere, die sich in künf­tigen Ein­rich­tungen enga­gierten wollen, hörten auf­merksam hin. Vor allem, als Bar­bara Klein, Geschäfts­füh­rerin des Inputt, schil­derte, wie sie mit ihren Mit­ar­bei­te­rInnen am Pro­jekt „Über den Tel­ler­rand“ arbeitet, mit dem sie in Koope­ra­tion mit allen Ver­ant­wort­li­chen Flücht­linge unter­stützen will, die bald im Elz­park Unter­kunft finden sollen. Davon, wie und wo auch im Neckar-Oden­wald-Kreis Freiwilligen­arbeit an Grenzen stößt, berich­teten Hel­fe­rinnen aus Hard­heim oder Scheff­lenz. Jea­nette Bell vom Dia­ko­ni­sches Werk benannte Pro­bleme, die durch das Ungleich­ge­wicht von Män­nern und Frauen in Gemein­schafts­unter­künften ent­stehen. Bell wünscht sich mehr männ­liche Frei­wil­lige in den Hilfe-Kreisen und sieht für die Über­win­dung kul­tu­reller Bar­rieren im Umgang mit­ein­ander einen Schu­lungs­be­darf: „Wer mit Flücht­lings­frauen ins Gespräch kommen will, muss Männer und Kinder mit­denken“, ver­deut­lichte sie, dass man erst ein Gefühl für fremde kul­tu­relle Kon­texte ent­wi­ckeln muss, um in Kon­takt zu kommen.

Gerade wo Miss­stände sich zeigen, sieht Char­lotte Schnei­de­wind-Hart­nagel, Spre­cherin für Frau­en­po­litik im Landtag und Betreu­ungs­ab­ge­ord­nete der NOK-Grünen, die Asyl­ar­beits­kreise als Mittler zwi­schen Behörden, Betrei­ber­firmen von Unter­künften und Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen. Sie berich­tete, dass Häuser spe­ziell für schwan­gere Frauen oder sol­chen mit Säug­lingen ein­ge­richtet werden, um Müt­tern und Kin­dern geschützte Räume zu geben. Bei der Ver­tei­lung auf Ein­zel­un­ter­künfte und in der Betreuung unbe­glei­teter Min­der­jäh­riger waren sich viele der Anwe­senden einig, dass Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen und Richt­li­nien ver­bes­sert werden müssen, um Fami­lien nicht aus­ein­ander zu reißen – und dass die Ori­en­tie­rung an den Men­schen in der Zusam­men­ar­beit aller mit Flücht­lingen Befassten vor verwaltungs­technischen Dingen stehen müsse. Simone Heitz, Grüne Land­tags­kan­di­datin im NOK, konnte dies nur unter­strei­chen, würden doch auf lange Sicht Kli­ma­wandel und ungleiche Res­sour­cen­ver­tei­lung als wei­tere Flucht­gründe neben Kriegen sich ver­schärfen.

veröffentlicht am 24.11.2015 mit den Schlagwörtern