Machtlos – und gerade deshalb relevant: Kunst als Gegennarrativ zu Regierungsdoktrinen

Dr. Leonhard Emmerling referierte in Mosbach.

Auf außergewöhnlich großes Interesse stieß der Vortrag von Dr. Leonhard Emmerling, Leiter der Goethe-Institute Chicago und Houston, im Mosbacher Café Salz & Zucker. Mehr als doppelt so viele Interessierte wie erwartet füllten den Raum bis auf den letzten Platz – ein deutliches Zeichen für die Aktualität kulturpolitischer Fragen in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung.
Begrüßt wurden die Gäste von Harald Kielmann, dem Vorsitzenden des Kunstvereins Neckar-Odenwald, sowie Klaus Brauch-Dylla vom Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grünen, die die ungewöhnliche Kooperationsveranstaltung gemeinsam verantworteten. Beide hoben die Bedeutung des Austauschs zwischen Kunst, Zivilgesellschaft und Politik hervor, der nun einen tieferen Blick und grundsätzliche Betrachtungen und Klärungen erfahren solle.
Emmerling gliederte seinen Vortrag in zwei Teile. Zunächst skizzierte er Geschichte und Aufgaben des Goethe-Instituts, das seit seiner Gründung 1951 als offizielles Instrument der deutschen Außenkultur- und Bildungspolitik fungiert. Heute ist das Institut mit rund 160 Standorten in 98 Ländern präsent. Seine Arbeit zielt auf die Förderung der deutschen Sprache, den interkulturellen Dialog und die Vermittlung eines zeitgemäßen Deutschlandbildes. Geprägt sei diese Arbeit von Dialogizität, Partnerschaftlichkeit und Kontextsensibilität. Anders als etwa der British Council oder das Institut Français agiere das Goethe-Institut in relativer Autonomie gegenüber unmittelbaren Regierungsinteressen – ein Umstand, der seiner Tätigkeit im Ausland besondere Glaubwürdigkeit verleihe.
Im zweiten Teil entwickelte Emmerling seine zentrale These von der „Machtlosigkeit der Kunst“. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, Kunst könne politischen oder gesellschaftlichen Wandel direkt bewirken, sei sie gerade nicht in der Lage, gesellschaftsweit verbindliche Entscheidungen herbei zu führen. 
Politik hingegen, so Emmerling, habe die Funktion der Entwicklung, Verteidigung und Durchsetzung gesellschaftsweit gültiger Entscheidung durch die Instanzen der Legislative, der Exekutive und der Judikative. “Politik organisiert das Soziale im Medium der Macht. Die Leitunterscheidung der Politik ist, Macht zu haben oder keine zu haben”. 
Kunst bleibe – solange sie autonom sei – außerhalb dieses Machtgefüges. In totalitären Systemen werde sie zwar als Erfüllungsgehilfin der Politik instrumentalisiert, doch auch dort verfüge nicht die Kunst über die Politik, sondern umgekehrt.
Unter Rückgriff auf Immanuel Kant ordnete Emmerling der Kunst die reflektierende Urteilskraft zu. Kunst könne keine verbindlichen Urteile fällen, wohl aber individuelle Wahrnehmungen zur Diskussion stellen und so einen gemeinsamen Horizont geteilter Vernunft – Kants „sensus communis“ – eröffnen. Genau hierin liege ihre gesellschaftliche Bedeutung.
Wie Kulturarbeit unter diesen Voraussetzungen politisch wirksam werden kann, verdeutlichte Emmerling am Beispiel des Projekts „In Good Company“, das er mit unterschiedlichen Communities im Mittleren Westen der USA realisierte. In kuratierten gemeinsamen Spaziergängen kamen Gruppen zusammen, die gesellschaftlich oft voneinander getrennt sind – von indigenen Gemeinschaften über migrantische Tanz- und Musikgruppen bis hin zu Mitgliedern deutscher Sängerbünde. Ziel war es, den spalterischen Narrativen und der chauvinistischen Politik der Trump -Administration erfahrbare Formen von Solidarität entgegenzusetzen.
Zum Abschluss griff Emmerling Hannah Arendts Begriff des Politischen auf, verstanden als offenes Miteinander der Vielen im öffentlichen Raum – “auf der Agora”. Das Politische sei eine Gegenkraft zur machtorientierten Politik: dialogisch, unabgeschlossen und in permanenter Bewegung. In diesem Sinne verfüge Kunst zwar nicht über Macht, wohl aber über ein Vermögen – das Entwickeln von Gegennarrativen zu den Erzählungen der Macht.
Gerade im Hinblick auf die Beteiligung von Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sei die Arbeit des Goethe-Instituts im Ausland von hoher Wichtigkeit. Je repressiver die Systeme seien, in denen diese Arbeit stattfinde, als desto virulenter erweise sie sich, wenn es bspw. darum gehe, Freiräume für von Verfolgung bedrohte Gruppen (z.B. LGBTQ+) zu schaffen. Dies zeige sich auch in der gegenwärtigen Situation in den USA, wo Goethe-Institute als Schutzräume fungierten. Die Wirkung der Kulturarbeit, schloss Emmerling, zeige sich nicht übermorgen als „Impact“. “Kulturarbeit erweist sich aber als überaus wirkmächtig über lange Zeiträume hinweg, wie die Erfahrung in totalitären Systemen zeigt.” Gerade, weil dies der Fall ist, würden Kulturinstitutionen zu bevorzugten Zielen totalitärer Politik, aktuell beispielsweise am Kennedy-Center erkennbar.

Die anschließende Diskussion wurde zu einem intensiven, kenntnisreichen und von großer Offenheit geprägten Dialog. Sie machte nicht nur dem Publikum, sondern auch dem Referenten sichtlich Freude. Die Veranstalter sahen sich in ihrer Einschätzung bestätigt, dass Emmerling „genau der Intellektuelle sei, den Mosbach brauchen könne”, die Veranstaltung habe allen Beteiligten einen Mehrwert gebracht. Bei Veranstaltern wie Referent reifte daher unmittelbar die Idee, den gehaltvollen Abend im Frühjahr in einer Folgeveranstaltung fortzusetzen.