„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ – Hannah Arendt im Spiegel derGegenwart

Foto: Caspar Österreich

Ulrich Neubert, Leiter des Bildungszentrums Mosbach, und Klaus Brauch-Dylla als Verantwortlicher seitens des Kreisvorstands von Bündnis 90/Die Grünen konnten gut 60 Gäste zu einem inspirierenden Themenabend im Ökumenischen Zentrum Neckarelz begrüßen.
Bereits im vergangenen Dezember hatte Dr. Leonhard Emmerling, Leiter des Goethe-Instituts Chicago, in einer Kooperationsveranstaltung des Kunstvereins Neckar-Odenwald und der Grünen zur Frage der „Macht/losigkeit von Kunst?!“ referiert. Nachdem dieser Abend bereits eine unerwartet große Resonanz gefunden hatte, waren nun – zum Thema Hannah Arendt, mit der Emmerling sich in seiner letzten Veröffentlichung für das Goethe
Institut befasst hatte – nochmals deutlich mehr Interessierte erschienen. Unter dem aufrührerischen Veranstaltungs-Titel „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ erörterte und bilanzierte er Arendts monumentales Hauptwerk „Ursprung und Elemente totaler Herrschaft“ und legte dar, warum ihre Thesen heute eine beunruhigende Aktualität besitzen. Als Emmerling Arendt und ihre Lehren vorstellt, werden Werk wie Person lebendig, zugleich erfolgt eine greifbare Analyse der Gegenwart.

Der historische Anlass: 65 Jahre Eichmann-Prozess

Der Titel des Abends bezog sich auf ein Zitat Arendts aus einem Interview von 1964, in dem sie auf den Eichmann-Prozess zurückblickte, der vor fast exakt 65 Jahren, im April 1961, begonnen hatte. Adolf Eichmann hatte seine Verteidigung darauf aufgebaut, lediglich ein „Befehlsempfänger“ gewesen zu sein, der zur Erfüllung von Anweisungen verpflichtet war.
Doch wie Emmerling ausführte, diente dieser historische Kontext nur als Sprungbrett für Arendts viel tiefergehende Untersuchung über die Zerstörung der menschlichen Urteilskraft.

Ethik der Freiheit statt blinden Gehorsams

Emmerling legte dar, dass wahre Moral laut Arendt das Gegenteil von blindem Gehorsam ist. Unter Rückgriff auf Kant betonte er, dass kein Mensch das Recht habe, seine Urteilskraft an eine Autorität zu delegieren. Wahre Moral sei eine „Ethik der Freiheit“: Sie ist dem Zwang der eigenen Vernunft verpflichtet, beugt sich aber niemals dem Zwang der äußeren Gewalt.
In diesem Sinne verwies der Referent auch auf Jürgen Habermas und dessen Ideal des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“.

Das Politische als Raum der Freiheit (Agora)

Ein zentraler Aspekt des Vortrags war Arendts fundamentale Unterscheidung zwischen dem „Politischen“ und der bloßen „Politik“. Das Politische definierte sie als einen öffentlichen Raum – vergleichbar mit der antiken Agora –, in dem Menschen als Gleiche unter Gleichen miteinander verhandeln. In diesem Raum darf Macht oder Gewalt keine Rolle spielen; es zählt allein das Wort. „Gewalt ist kein Mittel des Politischen“, lautet die Kernthese. In der aktuellen Polarisierung sieht Emmerling diesen Raum gefährdet: Wo Politik nur noch als Technik zur Mehrheitsbeschaffung verstanden wird, geht die lebendige Aushandlung zwischen freien Bürgern verloren.

Totalitarismus 2.0: Die Vermüllung des Diskurses

Besonders eindringlich wurde die Analyse beim Blick auf Emmerlings aktuellen Arbeitsort, die USA. Er warnte vor totalitären Tendenzen, die dort sichtbar werden, wo die Lüge systematisch eingesetzt wird, um die Realität zu ersetzen. Erfolg haben solche Bestrebungen dann, wenn es gelingt, die gesamte Tatsächlichkeit so „umzulügen“, dass eine fiktive Welt an die Stelle der wirklichen tritt. Diese Strategie des „Flooding the zone with shit“ (Steve Bannon) übersetzte Emmerling als eine gezielte Vermüllung des öffentlichen Diskurs- und Debattenraums. Ziel sei es, die Bürger durch mediale Überreizung in einen Strudel des Verdachts zu ziehen, bis die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge kollabiert und das Menschliche – das sich durch Vielheit und Pluralität auszeichnet – bedroht wird.

Die Leere des Nationalen

In Verknüpfung mit dem Philosophen Alain Badiou analysierte Emmerling zudem Slogans wie „Make America Great Again“ (MAGA) als Jagd nach einem substanzlosen Trugbild. Er zog dabei eine klare Parallele: So wie das beschworene „Amerikanischsein“ letztlich ein leerer Begriff sei, verhalte es sich auch mit dem „Deutschsein“. Da diese Begriffe keine inhaltliche Substanz besitzen, müssten sie durch die ständige Erfindung neuer Feindbilder
gefüllt werden.

Ein begeistertes Resümee des Referenten

Im Anschluss entwickelte sich ein intensiver Austausch, der den Bogen von der Theorie zur Realität spannte und Themen wie die mediale Überreizung und die Macht der Superreichen beleuchtete. Dr. Leonhard Emmerling zeigte sich von der Tiefe der Debatte sichtlich beeindruckt. Aus seiner Perspektive, so der Referent im Nachgang, habe es sich um eine der lebhaftesten Diskussionen und produktivsten Veranstaltungen gehandelt, die er bisher habe durchführen dürfen – schlichtweg ein „toller Abend“.
Den inhaltlichen Schlusspunkt setzte Altstadträtin Dorothee Roos mit einem Verweis auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Es brauche heute den ungetrübten Blick des Kindes, um den Blendern der Gegenwart die Wahrheit vor Augen zu führen.

to be continued

Dass der Dialog in Neckarelz fortgesetzt werden wird, ist zu hoffen; die Organisatoren konnten den Teilnehmenden bereits mitteilen, dass Emmerling erste Ideen für weitere Veranstaltungen skizziert hat. Der langanhaltende Applaus ließ keinen Zweifel daran, dass diese Folgetreffen ihr Publikum finden werden.