Volles Haus bei Ira Peter im Bildungszentrum
Warum ist die Herkunft vieler Mitbürger bis heute ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft? Mit über 90 Teilnehmern war das Bildungszentrum Mosbach im Ökumenischen Zentrum bestens gefüllt, als die Autorin Ira Peter ihr Buch „Deutsch genug?“ vorstellte. Die Lesung, finanziell unterstützt durch den Lions Club Mosbach, entwickelte sich zu einer tiefgründigen Analyse über Identität, Diskriminierung und das Ringen um Anerkennung.
Der Abend war ein besonderer Termin für Ira Peter. Die Journalistin, die 1992 als Neunjährige aus Kasachstan nach Buchen kam und dort 2003 ihr Abitur am Burghardt-Gymnasium ablegte, kehrte für ihre mittlerweile 99. Lesung in den Neckar-Odenwald-Kreis zurück. Begrüßt von Ulrich Neubert (Leiter des Bildungszentrums Mosbach, kath. Erwachsenenbildung) und Klaus Brauch-Dylla (Grüne NOK), von dem der Impuls für den Abend ausging, schlug Peter eine Brücke zwischen ihrer persönlichen Biografie und den großen politischen Fragen unserer Zeit.
Anpassung und die „Scham“ der Herkunft
Ira Peters Weg ist exemplarisch für den Großteil der rund 2,5 Millionen Russlanddeutschen. Ihre Großeltern, deutsche Kolonisten in der Ukraine, wurden 1936 unter Stalin nach Nordkasachstan deportiert, erlebten Diskriminierung, Lagerhaft, Verschwinden und Verlust von Verwandten. In Mosbach schilderte sie eindrücklich, wie sie als Jugendliche versuchte, ihre Wurzeln zu kappen, um dazuzugehören. „Mit dem Wechsel aufs Gymnasium wurden die Unterschiede zu den Steffis und Michaels spürbar“, so Peter. Sie gab ihre Zweisprachigkeit auf und passte sich extrem an, um dem „Antislawismus“ zu entgehen – jener einst von den Nazis forcierten Form von Rassismus, die Menschen aus dem Osten oft pauschal als „die Russen“ abwertet.
Struktureller Rassismus und seine Folgen
Ein wichtiger Punkt des Abends war Peters These, dass der Antislawismus, den Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge in den 90er Jahren erlebten, strukturell identisch mit dem Rassismus gegen heutige Migrantengruppen sei. Prägnant kritisch beleuchtete sie die verweigerte Anerkennung von Lebensleistungen: „Wer als Ärztin kommt, aber nur als Reinigungskraft arbeiten darf, verliert das Vertrauen.“ Über 90 Prozent der Berufsabschlüsse seien damals nicht anerkannt worden – ein massiver Entzug von Status und Zugehörigkeit.
Wenn Ausgrenzung neuen Rassismus schürt
Besonders hellhörig wurde das Publikum bei der Analyse der psychologischen Spätfolgen. Peter erläuterte freundlich – differenziert, ohne anzuklagen, wie erlebte Abwertung („Ihr seid keine echten Deutschen“) eine gefährliche Spirale in Gang setzen kann. Dieser Schmerz könne einen „reaktiven Rassismus“ triggern – sowohl gegen die Aufnahmegesellschaft als auch gegen später nachkommende Migranten. „Man versucht oft, sich auf Kosten anderer aufzuwerten, um endlich eine vermeintliche Überlegenheit zu spüren“, analysierte die Autorin. Diese Mechanismen machten Teile der Gruppe anfällig für rechtspopulistische Versprechen von klarer Identität und traditionellen Werten wie auch für russische Staatspropaganda – Kanäle, die mit der Chiffre “Russophobie” eine Solidarisierung bei Kritik an Putins kriegerisch-faschistischer Politik bezweckten.
Deutschsein als demokratisches Bekenntnis
In der von Ulrich Neubert moderierten, sehr regen Diskussionsrunde wurde deutlich, wie groß der Klärungsbedarf ist. Auf die Frage, was „deutsch genug“ eigentlich bedeute, fand Peter eine klare Antwort: Es sei keine Frage der Abstammung, sondern der Identifikation mit Werten des Grundgesetzes wie Toleranz und Vielfalt und der Verantwortung für die deutsche Geschichte.
Der Abend endete mit einer langen Schlange am Signiertisch. Ira Peter nahm sich in ihrer zugewandten Art viel Zeit für persönliche Gespräche mit Zuhörerinnen und Leserinnen, von denen einige die Biografie von Ira Peter teilten.
Beeindruckt fasste Ulrich Neubert den Abend zusammen: „Sie hat einen Blick in die Geschichte und das Leben vieler Russlanddeutscher Menschen in unserem Land eröffnet und nachvollziehbar verständlich gemacht. Wissen, das bislang so in der Gesellschaft fehlt.“